Schreiben im Blindflug ...

Copyright by Ewa A.
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Es  ist doch wirklich erstaunlich, dass man sich selbst immer wieder überraschen kann. Sogar wenn man schon seit Jahrzehnten auf das eigene Spiegelbild trifft. Nein, die Rede ist nicht von einer Nasenkorrektur oder Botox-Verschönerung, die man sich zu seinem Geburtstag gegönnt hat. Vielmehr geht es um neu gewonnene Erkenntnisse, die bisher lediglich für andere zu gelten schienen.

 

Ich gehöre zu jenen Autoren, die mit dem Schreiben angefangen haben, weil sie für sich eine Geschichte aufschreiben wollten. Endlich mal ein Buch, das ein Ende hat, wie ich es mir wünsche, das mich rundum glücklich macht, ohne irgendwelche Kompromisse eingehen zu müssen. Eine Geschichte, in der die Helden so sind, wie ich sie mir vorstelle.

 Siebzehn Jahre schrieb ich im stillen Kämmerlein vor mich hin und war zufrieden und glücklich mit den zwei Liebesromanen, die dabei zustande kamen. Natürlich reiften in dieser Zeit auch Ideen in meinem Kopf, die ich irgendwann einmal zu Papier bringen wollte – ja, irgendwann, eines Tages.

 

Doch dann fand ich über den Facebook-Like meiner Tochter einen Online-Roman, der zu der Seite einer App führte, die den kuriosen Namen Wattpad trug. Einer damals noch fast unbekannten Plattform für Hobby-Autoren, die dort kostenlos ihre Texte interessierten Leser zur Verfügung stellen konnten. Die einzelnen Kapitel der Geschichten konnte man kommentieren und ihnen als Applaus einen Stern verleihen. Das kann man bis heute. Vieles hat sich auf Wattpad verändert, ob zum Guten oder Schlechten sei dahin gestellt, das kann jeder für sich selbst entscheiden. Doch eines ist geblieben: Man fand Leser, die Kommentare hinterließen (zugegeben früher mehr als heute).

Und das war ein unglaubliches Erlebnis für mich. Jemand las meine Texte und fand sie gut? Unfassbar! Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, wenn ich sah, dass meine Geschichte angeklickt wurde, einen Stern bekam oder jemand fragte, wann es weitergehe. Auch die kleinsten Kommentare, genoss ich und das tue ich noch heute. Denn sie sind der Wind unter den Flügeln eines Autors und stiften ihn zu kreativen Höhenflügen an. Sie schenken einem Schriftsteller Motivation, dranzubleiben, auch wenn man manchmal an seinem Können und an seiner Geschichte zweifelt.

Wenn man besonderes Glück hat, dann findet man sogar Leser auf Wattpad, die einem Kommentare da lassen, die noch viel mehr können als zu motivieren. Sie helfen einem, die eigene Geschichte mit anderen Augen zu sehen. Sie decken vielleicht sogar Fehler in Logik oder Handlung auf, die man als ‚tunnelschreibender‘ Autor übersehen hat. In ihrem Feedback zeigen sie dir die Schwächen oder Stärken deiner Romanfiguren auf, die du möglicherweise selbst noch gar nicht als solche erkannt hast. Manchmal enthüllen sie dir die Intention deiner Geschichte, über die du dir noch gar nicht klar geworden bist. Oder sie verleiten dich mit ihren Vermutungen und Eindrücken zu neuen, unerwarteten Wendungen und Konflikte, die du der Geschichte  nie zugetraut hättest. Kurz: Sie schenken dir Inspiration.

 

Ja, das weiß ich alles und doch war ich immer in dem Glauben, dass ich auch ohne Wattpad schreiben würde. Aber heute frage ich mich, ob ich wirklich so viele Romane geschrieben hätte, wenn es Wattpad nicht gäbe. Seit meiner Anmeldung, die nun zwei bis drei Jahre zurück liegt, vollendete ich acht Bücher. Acht! Innerhalb knapp drei Jahren! Zuvor tippte ich über zehn Jahre lang an zwei Werken herum …

Das ist so peinlich, das dürfte man eigentlich keinem Menschen erzählen. Übrigens vernichtet sich dieser Artikel nach eurem Lesen selbst. Wenn euer Handy oder Laptop qualmt, also nicht wundern :)  Psst! Spaß beiseite, Ernst kommt wieder.

 

Die erschreckende Erkenntnis, dass ich mittlerweile eben nicht nur für mich schreibe, hat mich mit dem Holzhammer eingeholt. Denn seit ich eine Fortsetzung von einer Geschichte schreiben soll, deren Rechte bei einem Verlag liegen, muss ich ohne Wattpad auskommen. Ich habe zwar ein paar Betaleser an der Hand, trotzdem fehlen mir die Diskussionen der Wattpad-Leser untereinander und mit mir, aus den oben genannten Gründen.

 

 

Ich fühle mich, als würde ich im Blindflug einen Roman schreiben. Zwar glaube ich, das Ziel zu kennen, wohin ich will und sicherlich werde ich es erreichen. Irgendwann.  Aber die Begleitung fehlt mir, die mir die Reise erleichtert, zu einem Vergnügen oder gar zu etwas Besonderem macht und vielleicht eben auch das Ergebnis davon. Letztendlich werde ich die Reise allein bewältigen müssen. Denn alles, was ein Autor schreibt, entspringt seinem Selbst, seinen Erfahrungen, seinen Träumen, aber auch seinen Albträumen, seinen geheimsten Wünschen und tiefsten Ängsten, die verborgen in den hintersten Winkeln seiner Seele schlummern. Wer weiß, möglicherweise ist die Einsamkeit viel inspirierender als ich erwarte.