3. Tür von Ewa A.'s Adventskalender

Hohoho und herzlich willkommen heute öffnet sich das 3. Türchen und bringt Euch den 2. von 12 Teilen einer romantischen Geschichte, die Ihr ebenso in "Schicksalsnetz - Ein romantischer Episodenroman" finden könnt. Sie ist dort eine von vier Liebesgeschichten, die eng miteinander verflochten sind. Doch jetzt wünsche ich Euch viel Spaß mit Christinas und Garretts Geschichte.

Christina war heilfroh, als sie Zuhause ankam. Nach der Doppelschicht hatte sie ihren freien Tag bitter nötig.

Noch immer musste sie an die arme Diana denken. Manche Frauen hatten es wirklich nicht leicht in ihrem Leben.

Im Grunde konnte sie sich glücklich schätzen, sie hatte Freunde, Eltern und eine Schwester, die für sie da waren, wenn sie mal Probleme hatte. Sie liebte ihren Job, in dem es immer etwas zu tun gab, manchmal sogar zu viel. Wie fast überall, herrschte auch in ihrem Krankenhaus Pflegepersonalmangel. Da sie aber weder einen Lebensgefährten noch Kinder hatte, sondern eine alleinstehende Vierundzwanzigjährige war, waren die zusätzlichen Schichten eine willkommene Aufstockung ihres Lohnes.

Nach einer ausgiebigen Dusche machte sie sich einen ruhigen Fernsehabend und ging danach früh ins Bett, um sich richtig ausschlafen zu können. Sie schlief tief und fest, trotzdem nahm sie eine Erschütterung wahr. Ihr Unterbewusstsein ließ sie zu sich kommen und instinktiv wusste sie, dass ein Fremder sich in ihrer Wohnung herumtrieb. Als sie ihre Lider aufschlug, wurde sie sofort von einem Licht geblendet.

Sie stütze sich auf ihren linken Ellbogen und mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie, zu erkennen, woher das grelle Leuchten kam. Voller Schreck sah sie, dass ihre Zimmertür geöffnet war und eine riesenhafte Gestalt vor ihr stand. Nebel herrschte im Raum, der nur von dem schwachen, unwirklichen Licht, das der Riese auf seinem Kopf trug, durchdrungen wurde. Zu Christinas Entsetzen hatte der Eindringling eine Maske auf und eine Axt bei sich. Alles wirkte wie in diesem Horrorfilme, den sie abends hinter vorgehaltenen Kissen angeschaut hatte. Benommen vor Müdigkeit wankte ihr halbliegender Oberkörper.

Immer wieder fielen ihr die Augen vor Müdigkeit zu und ihr Verstand arbeitete noch im Schlummermodus. Das, was sie sah, war nicht real, das passierte nicht wirklich. Bestimmt träumte sie.

Doch der Mann kam in schnellem Schritt auf sie zu, riss sie unsanft aus dem Bett und quer durchs Zimmer. Christina glaubte an einen Traum, bis sie seine behandschuhten Finger an ihrem Arm spürte. Dann allerdings übermannte sie sofort hysterische Angst und alles in ihr sackte zehn Etagen hinab, denn der Druck und das Zerren seiner Hände fühlten sich überaus echt an.

Es war kein Traum, es geschah tatsächlich, schrie eine Stimme in ihrem Kopf. Ein perverser Killer stand in ihrer Wohnung! Doch sie würde sich von dem Geistesgestörten nicht kampflos zerhacken lassen. Auf keinen Fall! Sie würde sich wehren.

Schreiend versuchte Christina, sich von dem Mann loszureißen, was ihr jedoch nicht gelang, sein Griff war zu fest. Erst nachdem sie auf ihn einschlug, ließ er sie endlich los.

Ihr wurde klar, dass der Wahnsinnige mit der Axt schon einen Plastikanzug trug, damit er sich nicht mit ihrem Blut bespritzen würde, wenn er diese benutzte. Wahrscheinlich hatte er in seiner Wohnung bereits alles mit Folie ausgelegt. Oder wollte er sie womöglich in ihrem eigenen Bad in Einzelteile zerlegen?

Christina flüchtete in eine Ecke, griff zuerst nach einem Kissen und dann wahllos nach irgendwelchen Gegenständen, die auf ihrem Nachtisch herumstanden, um sie dem Meuchelmörder entgegenzuschleudern.

Verdammt, wie sollte sie diesen Killer verletzen, wenn sie nur mit Kissen und Cremetuben nach ihm warf? Gleich Morgenfrüh würde sie ein Fleischermesser unter ihrem Bett verstecken – falls es ein Morgen gab.

Christina wägte ihre Chancen ab, wenn sie an ihm vorbeirennen würde, als er abrupt und flink wie ein Kaninchen, sie mit einer eisernen Ganzkörperumarmung bewegungsunfähig machte. Sie schrie aus voller Kehle, weil sie befürchtete, dass er sie bald mit seiner Axt bearbeiten würde, die er mittlerweile an seinem Gürtel verstaut hatte. Voller Verzweiflung hoffte sie, dass das Teil nicht stumpf war und sie ein schnelles Ende finden würde.

Ohne größere Kraftanstrengung schaffte der potentielle Serienkiller Christina aus ihrem Schlafzimmer. Während er sie weiter in Richtung Treppe schleppte, verging ihr allerdings das Schreien.

Völlig perplex hatte die junge Frau bemerkt, wie ihr Sofa lichterloh brannte und sich die Flammen in ihrer Wohnung weiter ausbreiteten. Kriechend kam ihr Verstand auf die Beine und erkannte in Zeitlupen-Tempo, dass es sich ganz anders verhielt, als sie im Halbdusel gedacht hatte.

„Es brennt?! Großer Gott, es brennt!“, begriff Christina letztendlich. 

Der vermeintliche geisteskranke Axtmörder war ein Feuerwehrmann?! Ein Feuerwehrmann, der sie vor dem Flammentod rettete.

Gebannt starrte Christina in das Gesicht des Mannes, der sie mit gewandter Leichtigkeit trug. Durch die Atemmaske  war der Großteil seines Gesichtes verdeckt, außer dem Augenpaar, das sie ab und zu musterte, während er das Treppenhaus hinabstieg.

Es waren beunruhigende Augen, da sie eine Farbe zeigten, wie sie sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Seine Iriden waren golden, fast gelb. Sie vermutete, das dies nur von den ungewöhnlichen Lichtverhältnissen herrühren konnte. Kein Mensch hatte eine gelbe Iris.

An seinen mächtigen Brustkorb gedrückt, brachte der Feuerwehrmann Christina sicher aus dem Haus. Ihr Husten, den sie zuvor wegen ihrer Panik nicht wahrgenommen hatte, wurde immer stärker. Ihr Retter setzte sie vorsichtig auf einer Liege ab und beobachtete sie eingehend. Mit erhobenem Daumen stellte er ihr eine stumme Frage, die Christina nur mit einem geschockten Nicken beantworten konnte.

Dann, ohne ein Wort, ließ er sie einfach sitzen und ging zu einem Sanitäter. Enttäuscht fragte sich Christina, warum er nicht bei ihr blieb, obwohl sie wusste, dass er seiner Arbeit nachgehen musste, dass sie nur ein Job war, den er soeben erledigt hatte. Und doch wollte sie ihn nicht gehen lassen. Ohne ihn fühlte sie sich nicht mehr behütet. Seine wärmende Umarmung war dahin, wie auch das Gefühl der Geborgenheit, das ihr nun umso mehr fehlte. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich vergebens. 

Ein Sanitäter kam auf sie zu und sein Mund bewegte sich, als spräche er mit ihr, aber sie konnte keinen Ton hören. Überhaupt war alles um sie herum lautlos. Es herrschte trotz dem regen Treiben absolute Stille. Linkisch sah Christina sich um und nach kurzem Überlegen, zog sie mit einem Stöhnen die beiden schaumstoffartigen Stöpsel aus ihren Ohren heraus.

„Ach, Sie sind gar nicht taub!“, lachte der Sani, bevor er weitersprach. „Haben Sie Verbrennungen?“

Gedankenverloren schüttelte Christina ihren Kopf, so dass ihre blonden Haare hin und her schwangen.

Verdammt, wie hatte sie die Stöpsel in den Ohren vergessen können, fragte sie sich peinlich berührt. Wegen der lauten Musik von ihrem Nachbarn und dem Krach auf der Straße hatte sie sich die Dinger vorm Schlafengehen in die Gehörgänge gestopft und sie dann vor lauter Schreck und Angst total vergessen.  Hatte der gelbäugige Feuerwehrmann mit ihr gesprochen? Wegen seiner Atemmaske hatte sie seinen Mund nicht gesehen. Himmel, was würde er jetzt von ihr bloß denken? Tja, nach ihrem furchtbaren Benehmen zu urteilen wahrscheinlich, dass sie eine Irre war. Taub, aber irre, ganz sicher!